Let´s make a business

 

"Was denkst du darüber, wenn wir zusammen ein Geschäft machen?" so fragte mich mein Schwager. "Du bringst das Geld und kriegst 70%,  ich schmeiße den Laden und krieg 30%"

Natürlich ist mir klar, daß er mich sowieso bescheißt, trotzdem ist mir eine solch prozentuale Aufteilung zuwider. "Wenn wir was zusammen aufziehen, dann machen wir 50/50."

Wer nun glaubt, daß er mich vor Freude und Dankbarkeit an die Brust drückt und unter lauthalsen Ehrenbekundungen küßt und herzt, liegt weit daneben. "O.k., wenn du meinst, dann machen wir halt 50/50"  Er hätte da schon einige Ideen und wir vereinbaren, uns am Abend darüber zu unterhalten.

Ab jetzt war der Tag für mich mit Besorgungen ausgefüllt, ich brauchte Papier. Auf den Philippinen ist es gar nicht so einfach an Papier zu kommen. Meist wird es blattweise im Sari-Sari Store (= je nach Größe, Kiosk oder Tante-Emma-Laden) verkauft. Aber ich brauchte kariertes Papier, möglichst DIN A 4 oder größer, denn es galt Rentabilitätsberechnungen anzustellen und die Ergebnisse anschließend in Diagramme zu übertragen. Ach ja, ein paar Farben wären auch nicht schlecht, einen Taschenrechner habe ich, Gott sei Dank, dabei.

In der nächsten Stadt bin ich dann fündig geworden, allerdings nur ein kleiner College Block ca. DIN A 5. (Auf den Philippinen hat man amerikanische Papierformate). Nebenbei kramte ich aus den Hinterstübchen meines Gehirns alles, was ich jemals über Amortisation, Rendite, Gewinn, Ertrag, Hilfs- und Betriebsstoffe usw. gelernt hatte, lang, lang ist´s  her, und sah voll Zuversicht unserer abendlichen Besprechung entgegen.

Allein vom sprachtechnischen her gestalteten sich unsere Verhandlungen nicht sehr einfach. Obwohl Englisch Amtssprache ist, spricht in der Provinz kein Mensch Englisch. Es wird zwar verstanden, Fernsehen und Radio kommt in Englisch aber die Leute trauen sich nicht mehr als ein "Hallo" oder "How are you", weil sie Null Erfahrungen haben und auch fürchten das Gesicht zu verlieren. Ich glaube jeder von uns, der mit seinem Schulenglisch das erste Mal im Ausland war, kann das nachvollziehen. Also fungierte Anabelle als Übersetzerin.

Es gäbe da zwei Möglichkeiten, zum einen eine Schweineaufzucht, zum anderen einen Kaufladen. Der Kaufladen sei zwar teuerer, aber das bessere Geschäft, weil,  die Leute müssen ja Einkaufen.

Ich versuche, den nun folgenden Dialog, in etwa, aus dem Gedächtnis und in stark verkürzter Form wiederzugeben.

"Wenn der Kaufladen das bessere Geschäft ist, dann sollten wir uns zuerst darüber unterhalten. Was rechnest du denn kann man da verdienen?"
"Das kommt darauf an, wieviele Leute kommen."
"Woran liegt das, wieviele Leute kommen?"
"Das kommt darauf an, was man verkauft."
"Es liegt doch sicher auch daran, wie die Preise sind und ob der Verkäufer freundlich ist und einen guten Service bietet?"
"Nein, das ist egal, wir vergleichen keine Preise, wenn wir was wollen, dann kaufen wir das"
"Aber, wenn die Preise zu teuer sind, dann kauft doch niemand ein?"
"Bei uns kaufen meistens die Leute aus den Bergen ein und die sind sowieso doof."
"Was sollte man denn verkaufen. Was wäre ein gutes Geschäft"
"Das beste Geschäft ist Reis, weil das jeder braucht"
"Wie würde denn da die Preisgestaltung aussehen?"
"Du kaufst einen Sack Reis für 700 P. ein und verkaufst ihn für 1.500 P. weiter, das sind 800 P. Gewinn"
"Wieviel kg sind denn in einem Sack?"
"50"
"Das würde bedeuten, daß 1 kg 30 P. kostet. Der teuerste Reis, den ich hier gesehen habe kostet aber nur 21 P.."
kurzfristiges, betretenes Schweigen
"Dann macht man halt etwas weniger Gewinn"
Ich verzichte bewußt darauf, die Einkaufspreise für Reis genauer zu hinterfragen
"Was könnte man denn sonst noch verkaufen?"
"Lebensmittel, Gemischtwaren."
"Wie wären denn da die Gewinne?"
"Das kommt darauf an, wieviel du verkaufst."
"Und wieviel ich verkaufe kommt darauf an, wieviel Leute kommen?"
"Genau, so geht das"
inzwischen sind mir die letzten Haare ausgefallen und mein Bart ist ergraut
"Leute, so kann man doch nicht kalkulieren, so kann man doch kein Geschäft machen."
Anabelle, ärgerlich und ganz auf Seite ihrer Familie
"Gewinn, Gewinn, Gewinn, bei uns uns kalkuliert niemand. Du mußt 30.000 P. in Waren investieren und am Monatsende siehst du schon, wie hoch der Gewinn ist."

An dieser Stelle möchte ich das Ganze beenden. 

Es sei vielleicht noch erwähnt, daß ich nach weiterer,  mehrstündiger Diskussion von dem Gedanken Abstand genommen habe  in den philippinischen Lebensmitteleinzelhandel einzusteigen.

Was ist eigentlich aus meinem karierten Papier geworden? - Nun ich habe Papierflieger und Schiffchen für die Kinder gebastelt.

 

Mein Versuch einer Erklärung.

Die oben beschriebene Einstellung ist kein Phänomen der Philippinen, sie tritt vielmehr in allen tropischen Ländern auf. Eigentlich fängt dies Haltung, nicht ganz so extrem, bereits in Südeuropa an. Bei 30°C und hoher Luftfeuchtigkeit ist es halt angenehmer vor sich hinzuleben und seine Kräfte für die Siesta zu sparen. Das Motto lautet: "Wenn ich 20 P. habe, ist der Ranzen voll, warum soll ich also mehr tun."

Ich möchte diese Einstellung nicht verdammen denn nach meinen Erfahrungen leben diese Menschen glücklicher und zufriedener, wenn auch bescheidener wie wir. Ich wage sogar zu behaupten, daß wir Nordeuropäer dort noch etwas dazulernen können.

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