Merienda
wenn Beamte Hunger kriegen

 

Merienda, ein dem Spanischen entnommenes Wort, bezeichnet  die kleinen Zwischenmahlzeiten, die Filipinos so lieben.

Wer mit Beamten oder Behörden zu tun hat, wird dieses Wort des öfteren hören. Man denke nun nicht, die dortigen Beamten würden, ähnlich wie in Deutschland, den ganzen Tag nur Kaffee trinken, weit gefehlt.
Benützt ein Beamter dieses Wort, so will er dem Bittsteller damit kundtun, daß es für ihn unbedingt nötig ist vor dem Treffen einer Entscheidung, dem Ausstellen eines Dokumentes etc. einen kleinen Imbiß einzunehmen um dann, frisch gestärkt, die Sache erledigen zu können. Dem mit dieser Sitte nicht vertrauten Fremden wird sogleich auch die Summe genannt, die ein solcher Imbiß kostet.

Die Amerikanisierung der philippinischen Gesellschaft bringt es mit sich, daß dieses Wort zunehmend in Vergessenheit gerät. Statt des wohlklingenden "Merienda" wird dem Besucher ein hartes "Softdrinks" oder "Cigarettes" entgegengeschmettert.

Es soll auch Beamte geben, die es schaffen einen Verwaltungsakt ohne Merienda zu bewältigen. In so einem Fall schadet es nie beim Verlassen der Büros ein par Peso mit den Worten "For Merienda" oder "For your children" auf den Tisch zu legen.

Auch ich war schockiert, als ich zum ersten Mal mit Merienda konfrontiert wurde. Der Gedanke an Korruption machte sich breit. Zwar stehen die Philippinen auf der Liste der korrupten Länder auf Platz 12, diese Korruption spielt sich aber nicht in den unteren Etagen der Behörden ab. Was wir dort erleben sind reine Überlebensstrategien. Der kleine Beamte ist auf diese Trinkgelder angewiesen. Das wird von der Bevölkerung als völlig normal empfunden und in der Regel stört es niemand.

Wer sich einer philippinischen Behörde nähert, wird oft schon draussen von "hilfreichen Geistern" empfangen, die mannigfaltige Dienstleistungen anbieten. "Ich kenne jemand, der läßt Sie hinten rein, dann müssen Sie nicht Schlange stehen." - "Mein Schwager, Onkel, Neffe, Cousin arbeitet hier. Wenn Sie wollen können Sie ihre Papiere gleich mitnehmen, dann müssen Sie nächste Woche nicht nochmal wiederkommen." usw., usw.. Der zu zahlende Unkostenbeitrag ist, wenn man kein "reicher" Ausländer ist, meist nicht sehr hoch. Die betreffenden Anbieter verstehen es hervorragend den potentiellen Kunden zu taxieren und genau die Summe zu nennen, die ihm nicht weh tut.

Inzwischen sehe ich diese Praxis als fast sympathischen Bestandteil der philippinischen Kultur an und bin regelrecht enttäuscht, wenn ich mal nichts bezahlen darf.

Doch halt - Irgendwo im Hinterstübchen der philippinischen Seele scheint es einen Bereich zu geben, der sich über die Merienda Gedanken macht. Anabelle bestreitet vehement, daß es diese (Un)sitte gibt, obwohl wir es gemeinsam erlebt haben.

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