Anabelle ist Filipina, sie ist stolz auf ihre Heimat, die sie liebt - und ich?

Wir waren auf der Weihnachtsfeier eines philippinisch/deutschen Vereins.
Zu Beginn wurde die philippinische Nationalhymne gespielt. Natürlich bin ich aufgestanden. Anschließend kam die deutsche Hymne. Natürlich habe ich mich hingesetzt. (All jenen, die mich jetzt als Nestbeschmutzer bezeichnen sei gesagt, ich war nicht der Einzige). Anabelle blieb natürlich stehen und strafte mich mit vernichtenden Blicken. Auf ihre Frage nach dem Text der Hymne mußte ich nach der ersten Zeile passen.

Der Versuch einer Erklärung bleibt wirklich nur ein Versuch. Die asiatische Mentalität macht es unmöglich solches Handeln zu verstehen.

Warum erhebe ich mich zur philippinischen Hymne? Das gebietet mir mein Respekt gegenüber meiner Frau und ihrer Heimat.

Warum sitze ich die deutsche Hymne aus?
Ich bin ein kosmopolitischer Terraner, der zufällig in Deutschland geboren wurde. Bedeutet das etwas? Muß ich darauf stolz sein?
Ich habe "Die Räuber" nicht geschrieben. Ich habe die 9 göttlichen Symphonien nicht komponiert. Ich war weder Weltmeister, Olympiasieger noch Wimbledongewinner.
Beim Versuch meine Herkunft einzugrenzen stelle ich fest, daß ich Schwabe bin, aber, daß ich "Die Räuber" nicht geschrieben habe erwähnte ich bereits. In meiner Heimatstadt steht der höchste Kirchturm der Welt. Leider habe ich ihn nicht erbaut. Auch die Relativitätstheorie wurde vom berühmtesten Sohn meiner Stadt entwickelt, lange bevor ich dazu Zeit hatte.
Worauf soll ich also stolz sein?

Wie gesagt, ich bin Schwabe, darüber kann ich mich definieren, stolz darauf muß ich nicht sein. Der einzige Schluß, den man aus meinem Schwabentum ziehen kann ist der, daß ich mich entsprechend der süddeutschen Mentalität verhalte.

Warum kann eine Filipina das nicht verstehen?

Die Antwort ist ganz einfach. Ein Bestandteil der schulischen Erziehung auf den Philippinen ist der tägliche Flaggenappell mit Absingen der Nationalhymne und die vormilitärische Ausbildung. Von ihrem Nationalheld wissen die Filipinos, daß es sich bei ihrem Inselreich um die "Pearls of the oriental sea" handelt und dies wird, ohne zu hinterfragen, kritiklos hingenommen.


Es besteht für die Masse der Filipinos auch keinerlei Bedarf sich über solche Dinge Gedanken zu machen. Der Kampf ums Überleben und ums tägliche Brot läßt solche Gedanken erst gar nicht aufkommen.

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