Trading Traditions

" Und als er in den Tempel eingetreten war, fing er an auszutreiben die im Tempel verkauften und kauften; und die Tische der Wechsler und die Sitze der Taubenverkäufer stieß er um. Und er erlaubte nicht, daß jemand ein Gefäß durch den Tempel trug. Und er lehrte und sprach zu ihnen: Steht nicht geschrieben: "Mein Haus wird ein Bethaus genannt werden für alle Nationen"? "Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht".
Markus 11 15-18
 

Eine philippinisch/deutsche Veranstaltung, irgendwo in Deutschland. Programm und Speisekarte lägen auf den Tischen, so wurde uns glaubhaft versichert. Auf den Tischen lag viel, Berge von buntem Papier bildeten einen grellen Kontrast zur Tischdekoration. "Never come back airlines" offerieren günstige Cargotarife, "Pfirsich Reisen" die besten Flugpreise, diverse Angebote für den Versand von Schachteln, Geld und sonstigen Dingen nach den Philippinen, .............. . Ach ja - Programm und Speisekarte habe ich dann doch noch gefunden.

Auf der Bühne hatten inzwischen die Darbietungen begonnen, aber irgendwie schien das niemand so recht zu interessieren. Gleich einer Polonäse durchstreiften Männlein und Weiblein, mit Stapeln von Papier und Visitenkarten unterm Arm den Saal.
"Wollen Sie günstig auf die Philippinen telefonieren? Ich kann Ihnen helfen. Hier meine Karte."
"Haben Sie schon mal was von Tupperware gehört? Ich führ Ihnen das gerne mal vor. Hier meine Telefonnummer."
"Wenn Sie Geld transferieren wollen, am besten über meine Firma. Hier unser Flyer."

Ein Mann nähert sich. Dem von ihm mitgeführten Blatt entnehme ich, daß er mir das Buch eines gewissen Herrn Rizal verkaufen will. Schon will ich ihm ein "Noli me tangere" entgegenrufen, als mir einfällt, daß er als Sponsor der Veranstaltung einen Preis für die Tombola gestiftet hat. Gut, auch wenn's lästig ist, ihm gestehe ich zu für seine Produkte zu werben. Leider besitze ich das Buch schon.

"Es ist doch bald Weihnachten, hier ein kleines Geschenk und meine Karte (Kosmetik)"

Es kehrt etwas mehr Ruhe im Saal ein. Das liegt daran, daß inzwischen das Essen serviert wurde. "Guten Appetit." Diskret aber sehr bestimmt schiebt mir eine Dame ihre Visitenkarte unters Schnitzel. Sie vertreibt ein Pulver gegen Fußpilz und zur Warzenentfernung. Während ich mir überlege, wie ich das Design ihres Kleides mit Bratensoße und ein paar Salatblättern verändern kann, bedankt sich Anabelle überschwenglich und packt die Karte in ihre Tasche.

Ich habe Anabelle schon 1000 x gesagt, sie soll die blöde Werbung lassen, sie fliegt ja doch nur in den Müll, aber ich ernte nur tiefste Verachtung. Zu Hause wird die Werbung dann säuberlich sortiert und im Schrank deponiert.

Ich habe nachgedacht. Mit Werbung kann man anscheinend Geld verdienen und so besuche ich regelmäßig 3-4 Tage nach solchen Veranstaltungen den örtlichen Altpapierhändler. Leider geht der Preis für Altpapier immer mehr und mehr in den Keller. Führende Wirtschaftsforscher und Analysten großer Bankhäuser meinen einen direkten Zusammenhang zwischen dem Verfall des Altpapierpreises in Deutschland und der Anzahl der philippinisch/deutschen Veranstaltungen entdeckt zu haben.

Das Leben auf den Philippinen ist geprägt durch ein enges Netz von Beziehungen und persönlichen Verpflichtungen - "Utang na Loob" = Ehrenschuld. Diese Verpflichtungen entstehen dadurch, daß dem Anderen etwas Gutes getan wird. So kauft der Filipino z.B. sein Brot beim Nachbarn. Dieser wird im Gegenzug sein Bier bei seinem Kunden kaufen. Auf diese Art entstehen kleine in sich geschlossene Wirtschaftssysteme, die sich meist auf die Siedlung beschränken. Der Gedanke an "Tauschhandel" liegt nahe. Im Grunde verdient niemand etwas, aber das Ganze funktioniert und wenn mal kein Geld vorhanden ist, dann geht es auch ohne, denn man kann sicher sein, daß die Zeit kommt zu der der andere Geschäftspartner kein Geld hat.

Dieses System wurde nach Deutschland mitgebracht. Durch die Annahme eines Werbegeschenks, der Visitenkarte und ein paar freundlicher Worte ist eine Verpflichtung entstanden die es einzulösen gilt. Eigentlich nichts schlimmes und für die Filipinos das normalste auf der Welt, und im Ausland muß man ja sowieso zusammenhalten. Allerdings kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß besonders geschäftstüchtige Exemplare die traditionellen Werte ihrer Landsleute schamlos ausnutzen. Trotzdem habe ich nichts dagegen Sachen, die wir wirklich brauchen bei Anabelles Landsleuten zu erwerben. Ich als Süddeutscher habe mich sogar entschlossen demnächst einmal den philippinischen Friseur in Castrop-Rauxel aufzusuchen. Doch als ich heute morgen in den Spiegel sah, mußte ich feststellen, daß ich eine Glatze habe - schade eigentlich.

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